Wenn mich eine Entscheidung überrascht

Vor über einem Jahr bin ich nach Bern gezogen. Mehrere Entscheidungen führen mich dahin. Ausschlaggebend war, dass mein Freund und ich spürten, es ist an der Zeit, zusammen zu ziehen. Eines Sonntagabends, als wir uns verabschiedeten, um beide in unsere WGs zu gehen, da sprach Jannik aus, was wir beide fühlten: „Jetzt ist es wirklich an der Zeit, dass wir zusammenwohnen.“ 

Zu diesem Zeitpunkt, es war im Herbst 2017, beschlossen wir, dass wir zusammenziehen werden. Schon lange verspürten wir diesen Wunsch, doch in diesem einen Augenblick, an diesem Sonntagabend, da wussten wir beide, jetzt ist die Zeit dazu gekommen. Die Entscheidung, wo wir unser gemeinsames Wohnen beginnen wollen, war rasch klar. Studium und Arbeit gaben den Rahmen dazu. Wir entschieden uns für Bern. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mir keine Gedanken dazu gemacht, wie es ist, in der Stadt Bern zu leben. Ich dachte daran, zusammen zu ziehen mit meinem Freund, und das war das Entscheidende. Doch ich wusste noch nicht, wie es sich in Bern lebt… 

Geht es dir manchmal auch so, dass du etwas beginnst, zum Beispiel eine neue Arbeitsstelle, eine Ausbildung, eine Sportart, eine Bekanntschaft, einen Wohnortswechsel, und gar noch nicht weißt, wohin dich das führen wird? Man entscheidet sich für eine Veränderung oder einen Neuanfang in einem Bereich des Lebens. Doch man kennt nicht alle Folgen, die diese Entscheidung mit sich bringt. Plötzlich wird einem bewusst, dass man sich zwar entscheiden hat für etwas, aber gar nicht wusste, wofür genau man sich entschieden hat. Schlussendlich zeigt dir dann die Zeit, wie sich deine Entscheidung auswirkt. Die Ausbildung war genau das richtige, oder die neue Sportart gefällt mir zwar nicht, aber ich habe eine neue Freundschaft gewonnen dadurch. Bei einem Wohnungswechsel wird einem oft erst mit den Wochen und Monaten klar, was die Vorzüge und Schwierigkeiten am neuen Ort ist. Für diese Nachbarn hast du dich ja nicht entschieden. Vielleicht für die schöne Wohnlage, aber dass der Wald so nahe ist, war dir gar nicht bewusst. Kennst du solche Situationen auch?

Als ich mich mit meinem Freund zusammen dazu entschied, nach Bern zu ziehen, da konnte ich mir nicht vorstellen, wie es ist, in Bern zu leben. Die Entscheidung finde ich bis heute gut, obwohl ich nicht wusste, wie sich die Situation entwickelt. Ich bin sehr zufrieden mit dieser Veränderung. 

Ich wusste tatsächlich nicht, dass der Wald in 4 Minuten von meiner Haustüre erreichbar ist. Und dass man bei klarem Himmel einen Teil der Bergkette sehen kann. Ich habe mich für diesen Wohnort entschieden, ohne alle Folgen zu kennen. Doch jeder neue Tag zeigt mir, wieso es gut ist, hier zu wohnen und wie schön es ist, diese Erfahrung mit meinem Freund zu teilen. Ich bin glücklich mit meiner Entscheidung, ich bin glücklich in Bern.

„Es ist besser, unvollkommene Entscheidungen durchzuführen, als beständig nach vollkommenden Entscheidungen zu suchen, die es niemals geben wird. (Charles de Gaulle)

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Freunde sagen über Simone Jeannin: fürsorglich, freundlich, witzig, neugierig, intelligent, tiefsinnig, konzentriert, träumerisch, fokussiert, hilfsbereit, nett, zielstrebig, organisiert, ehrlich, easygoing, faithful.

Wir sind unsere Entscheidungen

Kürzlich habe ich im Fernseher (wieder) den Film Dangerous Minds gesehen. Er erzählt die wahre Geschichte von Louanne Johnson, die als Ex-Marinesoldatin in der Inner-City High School von East Palo Alto eine Stelle als Englischlehrerin annimmt. Ihre Schüler gehören dabei allesamt der Unterschicht an. Viele von ihnen sind Mitglieder von Gangs und verkaufen Drogen.

Der Kreislauf von Gewalt, Drogen und sozialer Marginalisierung hat die Mentalität und das Leben dieser Jugendlichen schon früh geprägt. Louanne Johnsons Versuch, diese jungen Menschen aus ihrer fatalistischen Lethargie herauszureissen, führt eines Tages zu einer heftigen Diskussion zwischen ihr und der ganzen Schulklasse. Letztere vertritt unisono die Meinung, die Lebensumstände hätten ihnen gar keine Wahl gelassen, um in ihrem Leben für Änderungen tiefgreifende Entscheidungen treffen zu können.

Der intensive Schlagabtausch mündet schliesslich in die erboste Aussage einer Schülerin, die der Lehrerin vorwirft: «Sie haben ja keine Ahnung. Leben sie einmal eine Woche in unserem Viertel und dann sagen sie uns, ob wir eine Wahl haben.» Darauf Louanne Johnson ihrerseits erregt: «Viele von eurem Viertel haben sich heute Morgen entschieden nicht in den Schulbus zu steigen. Stattdessen streunen sie herum oder verkaufen Drogen. Ihr hingegen seid in den Bus gestiegen und hierhergekommen. Das ist eine Wahl, die ihr getroffen habt. Es gibt also in dieser Klasse keine Opfer.»

Der Film wirbt nicht um die Verwirklichung des amerikanischen Traums. Keiner der Schüler von Louanne Johnson kommt gross raus oder wird berühmt. Hingegen wird anhand der dargestellten Personen und Ereignisse deutlich, wie die kleinen Entscheidungen nicht nur äusserlich unser Leben prägen, sondern auch “entscheidend” sind für die Entwicklung unserer Persönlichkeit.

Ein wichtiger Faktor in diesem Prozess ist dabei die Treue zu sich selber sowie die Fähigkeit, sich in den Motiven dieses Prozesses wahrzunehmen. Die Entwicklung dieser inneren Wahrnehmungsfähigkeit, ist jedoch nicht etwas, das sich automatisch einstellt, sondern eine (auch spirituelle) Herausforderung, die uns im Vorfeld eine Entscheidung abverlangt.

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Fulvio Gamba – 
Pfarrer und Seelsorger in einer Pfarrei in Zürich. Er ist Privatdozent für Theologie an der Theologischen Hochschule Chur und Leiter der Abteilung Theologie am Institut Thérèse von Lisieux in Basel. Er ist Mitglied von Gesprächskreisen zum Thema „Naturwissenschaft – Theologie“.

Entscheiden

Täglich ist es notwendig, in den kleinen und grossen Situationen. Oft ist es unreflektiert, aus dem Bauch heraus, manchmal aber auch über Tage und Wochen vorbereitet. Es geht um das Entscheiden. Die Fähigkeit zu entscheiden ist von Kindesbeinen an notwendig, aber wir lernen sie eigentlich nicht. In der Schule und an der Universität habe ich dazu nichts gelernt. Dennoch wurde von mir als Arzt in der Klinik vom ersten Tag an erwartet, Entscheidungen zu treffen, am besten natürlich fehlerfreie. Im persönlichen Leben ist es nicht anders. Im Verlauf der Zeitlinie des Lebens wird es nicht weniger aber vielleicht etwas leichter. Neue Situationen und Momente, in denen es keine standardisierte Antwort gibt, kommen wohl das ganze Leben lang dazu.

In der Schule und an der Universität habe ich dazu nichts gelernt. Dennoch wurde von mir als Arzt in der Klinik vom ersten Tag an erwartet, Entscheidungen zu treffen, am besten natürlich fehlerfreie.

In meinem Leben habe ich viele Entscheidungen fällen müssen, einige erschlossen sich erst rückblickend als wichtig. Mittlerweile bin ich Psychiater, Psychotherapeut, Chefarzt, Weiterbilder und Teil der Leitung eines kleinen Krankenhauses. Aus zunächst ausschließlich medizinischen Entscheidungen wurden therapeutische, personelle und auch wirtschaftliche. Ethische Entscheidungen ergänzen die Liste, dazu kommt das, was zum privaten Leben gehört, Familie, Freunde, Glaube, Gesundheit und viele andere Menschen und Dinge.

Vieles hat sich somit geändert, einiges blieb gleich. Die Bewertung, welche Entscheidung schwer und welche leicht fällt, hat sich geändert. Das was Andere belastend finden fällt mir vielleicht leicht, dafür ist es in einer anderen Situation exakt das Gegenteil.

Die Frage, auf welcher Grundlage ich medizinisch-berufliche Entscheidungen fälle hat sich sicher verändert. Es gibt heute gute und besser zugängliche Entscheidungshilfen wie Leitlinien, wissenschaftliche Literatur und strukturierten Austausch mit Kollegen. Bei Führungsentscheidungen ist es anders, da helfen Kurse, Bücher und Erfahrung, es bleibt aber der Moment, in dem ich alleine entscheiden muss. Gleiches gilt für ethische und existenzielle Entscheidungen. Neben meinem Glauben und dem damit verbundenem Gott-Vertrauen helfen mir dabei Erfahrung und Austausch mit anderen Menschen sowie das, was auch Grundwerte genannt werden kann.

Bei Führungsentscheidungen ist es anders, da helfen Kurse, Bücher und Erfahrung, es bleibt aber der Moment, in dem ich alleine entscheiden muss. Gleiches gilt für ethische und existenzielle Entscheidungen.

Beim Vorbereitungstreffen zur Summer-Academy ging es auch um die Frage, was Menschen können müssen, deren Aufgabe es ist, Entscheidungen für die Gesellschaft von morgen zu fällen. Ein wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste Aspekt beim Thema Entscheidungen. Eine Antwort kann ich nicht alleine geben, ich kann nur meinen Teil dazu beitragen. So bin ich  überzeugt, dass für gute gesellschaftliche Entscheidungen zunächst die gleichen Anforderungen erfüllt werden müssen, wie es für die kleinen und grossen Entscheidungen des beruflichen und privaten Lebens gilt. Je grösser und unübersichtlicher die Organisationseinheit wird für die ich eine Entscheidung fällen muss, desto wichtiger wird aber ein noch nicht genannter Aspekt: das Aufrechterhalten des Kontaktes zu den Menschen, um die es bei der Entscheidung geht. Obwohl diese Fähigkeit nicht erlernt werden muss ist es doch häufig schwer, sie anzuwenden.

Die Idee einer Summer-Academy für junge Menschen zum Thema „Entscheiden“ finde ich grossartig. Spontan dachte ich zunächst, wie froh ich gewesen wäre, wenn ich an so etwas als Student hätte teilnehmen können. Ich freue mich, mit verschiedensten Menschen aus der Sicht der Medizin und meines Fachgebietes über die Aspekte des Entscheidens nachzudenken. Ich bin dabei überzeugt, dass es Grundsätze gibt, die für alle Entscheidungen gelten. Hier unterscheidet sich Medizin nicht von Rechtsprechung und diese nicht von Situationen an anderen Arbeitsorten. Ich freue mich über den lebendigen Austausch und bin mir sicher, dass alle Teilnehmenden gewinnen, nicht zuletzt auch ich als Referent.

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Stefan Scholand – 
Psychiater und Psychotherapeut. Er hat in Krankenhäusern, in eigener Praxis und in der Pharmaindustrie gearbeitet. Über mehrere Jahre war er im Psychiatriezentrum Oberwallis in Brig beschäftigt, zuletzt als Klinikleiter. Seit Ende 2017 leitet er die psychiatrisch-psychosomatische Clemens-August-Klinik nördlich von Osnabrück.

 

 

Ein Brief an meinen Freund „Entscheidung“

Hallihallo lieber Freund, 

Letztens musste ich wieder einmal an dich denken. Ich habe mich gefragt, wie lange wir uns schon kennen! Wenn ich ehrlich bin, weiss ich es nicht so genau. Ich habe keine prägnante Begegnung vor Augen, die unseren Freundschaftsbeginn markiert. Nein, vielmehr war es ein unterbewusstes Begegnen. Dich bewusst wahrzunehmen habe ich erst gelernt, als ich anfing meine eigenen Gedanken zu entwickeln. Krass, das ist eine echt lange Zeit – könnte dich schon fast Bruder nennen!

Ehrlich gesagt ist es nicht immer einfach, dich in meinem Umfeld zu haben. In deiner Gegenwart habe ich manchmal stark das Gefühl, unter Druck zu stehen. 

Ja ich weiss, es hört sich doof an und ist es eigentlich auch. Du bist nämlich derjenige, der mir die Freiheit zur Selbstbestimmung schenkt. Daran haben mich in den letzten Tagen die Worte von Hans Ulrich Bänzinger erinnert: «Freiheit ist Zwang zur Entscheidung.»

Der Mann hat so Recht gehabt! Mit seinen fünf Worten hat er das Spiel des Lebens ganz einfach erklärt und gezeigt, welches Privileg wir haben, diese Freiheit komplett (aus-)leben zu können. 

Danke, dass du mir die Möglichkeit gibst, in meinem Denken und Handeln völlig frei zu sein. Du bist mir ein wahrer und treuer Freund – vielen Dank dafür!

Liebe Grüsse, dein Freund

G.W

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Gabriel Wyss, Zürich: ein junger Augenoptiker, der das Leben liebt und sich immer wieder neu von dessen Schönheit erfreuen lässt.