Blog von Andreas Amann – Leadership in der Ökologie

28.2.2021-

In meinem beruflichen Alltag als Experte für Fragen der Luftreinhaltung bin ich regelmäßig in Situationen mit divergierenden Interessen involviert. Manchmal stehe ich an der Seite von Projektwerbern aus Industrie, Infrastruktur, Mobilität, Raumplanung etc., denen ich helfen sollte, Projekte in umweltverträglicher Weise zu gestalten, manchmal als Berater von Projektgegnern, überwiegend aber auf der Seite der Behörden, wo ich die Genehmigungsfähigkeit von Projekten überprüfe und/oder auch deren Umsetzung zu kontrollieren habe. Am schärfsten sind die Konfliktsituationen bisweilen bei Gerichtsfällen, wo beide Seiten schon erheblich Nerven, Geld und Arbeit investiert haben, um zu ihrem Recht zu kommen, und wo Konflikte oft schon eine lange und komplexe Vorgeschichte haben. 

Ich habe zwar bei Seminaren gelernt, wie man sich als Sachverständiger in Gerichtssälen oder Genehmigungsverhandlungen zu bewegen hat, verfüge aber über keine systematische Ausbildung in Konfliktlösung oder Mediation. Aber im Laufe der Zeit haben sich folgende Kernpunkte für meine Tätigkeit als Sachverständiger herauskristallisiert: 

  1. Immer streng sachlich, nie ideologisch an eine Fragestellung herangehen.
  2. Ergebnisoffen sein, Überraschungen und neue Argumente zulassen
  3. Eine innere und – wenn möglich – auch äußere Distanz zu den Parteien zu wahren, auch wenn ich eine bestimmte Partei im Prozess begleite
  4. Jede/n Prozessbeteiligte/n ernst nehmen, selbst wenn bereits erledigte Argumente zur Unzeit oder zum wiederholten Mal auftauchen
  5. Sich nicht von Emotionen leiten lassen 
  6. Am Ende das eigene Fachgebiet in den Gesamtkontext der Verantwortung für die Gesellschaft und die Umwelt stellen. 

Diese Prinzipien können als Selbstverständlichkeit erscheinen, in konkreten Abläufen und in der Hitze des Gefechtes ist es aber keineswegs trivial und muss immer wieder neu errungen werden. 

Ein konkretes Beispiel der jüngeren Vergangenheit (Januar 2021): Durch den Online-Handel hat das Ausmaß an Paketzustellungen in den letzten Jahren stark zugenommen. In Tirol ist die Post mit der bestehenden Infrastruktur immer mehr in Bedrängnis geraten und muss ein neuer Verteilzentrum errichten, um eine verlässliche und rasche Paketzustellung sicherzustellen. Es wurde ein zentraler Standort in einem Gewerbegebiet mit direkter Anbindung an die Autobahn gefunden. Es gibt aber auch nicht weit entfernt Wohnsiedlungen, und die Anwohner sind durch die Perspektive eine Verkehrserhöhung alarmiert. Man muss wissen, dass Tirol hauptsächlich aus Bergen besteht und das ganze Leben mit Wohnen, Industrie, Landwirtschaft und Verkehr sich auf einen schmalen Streifen des Inntals konzentriert.  So ist die Bevölkerung in Hinblick der Umweltbelastung schon sensibilisiert und es hat regelrecht einen kleinen Aufstand gegen dieses Vorhaben gegeben. In diesem Kontext war ich vom Projektplaner beauftragt, im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung die Luftschadstoffbelastung im IST-Zustand sowie die Zusatzbelastung durch das Projekt des Postverteilzentrums zu bewerten. 

Die Bewertung hat ergeben, dass durch den Betrieb des Postverteilzentrums das Verkehrsaufkommen mit 400 LKW und 800 PKW Zu- und Abfahrten pro Tag erheblich ist, aber in Punkto Luftreinhaltung aufgrund der örtlichen Windverhältnisse so gut wie keine Auswirkungen auf die Lebensqualität der Anwohner zu erwarten sind. 

Hier war es dann wichtig, bei den diversen Informationsveranstaltungen die Ängste und Bedenken der nicht gleich vom Tisch zu wischen, sondern zunächst gut zuzuhören und individuell eine sachliche, verständliche und nachvollziehbare Antwort zu geben. 

Es wurden in diesem Prozess im Dialog mit den Bürgern auch weitere Verbesserungen in das Projekt eingepflegt, zum Beispiel: Der Paketzulieferdienst wird komplett auf Fahrzeuge mit Elektroantrieb umgestellt; die Gebäude werden so angeordnet, dass die Schallemissionen gegenüber den Nachbarn abgeschirmt werden; es gibt ein betriebliches Mobilitätskonzept, das den dort beschäftigten Mitarbeitern die Anreise mit ÖV erleichtert und fördert. 

So ist nun für alle Seiten ein gedeihliches Miteinander und Nebeneinander gesichert. 

Abb. 1: Lageplan des Beispiels Postverteilzentrum Tirol

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.