Wir sind unsere Entscheidungen

Kürzlich habe ich im Fernseher (wieder) den Film Dangerous Minds gesehen. Er erzählt die wahre Geschichte von Louanne Johnson, die als Ex-Marinesoldatin in der Inner-City High School von East Palo Alto eine Stelle als Englischlehrerin annimmt. Ihre Schüler gehören dabei allesamt der Unterschicht an. Viele von ihnen sind Mitglieder von Gangs und verkaufen Drogen.

Der Kreislauf von Gewalt, Drogen und sozialer Marginalisierung hat die Mentalität und das Leben dieser Jugendlichen schon früh geprägt. Louanne Johnsons Versuch, diese jungen Menschen aus ihrer fatalistischen Lethargie herauszureissen, führt eines Tages zu einer heftigen Diskussion zwischen ihr und der ganzen Schulklasse. Letztere vertritt unisono die Meinung, die Lebensumstände hätten ihnen gar keine Wahl gelassen, um in ihrem Leben für Änderungen tiefgreifende Entscheidungen treffen zu können.

Der intensive Schlagabtausch mündet schliesslich in die erboste Aussage einer Schülerin, die der Lehrerin vorwirft: «Sie haben ja keine Ahnung. Leben sie einmal eine Woche in unserem Viertel und dann sagen sie uns, ob wir eine Wahl haben.» Darauf Louanne Johnson ihrerseits erregt: «Viele von eurem Viertel haben sich heute Morgen entschieden nicht in den Schulbus zu steigen. Stattdessen streunen sie herum oder verkaufen Drogen. Ihr hingegen seid in den Bus gestiegen und hierhergekommen. Das ist eine Wahl, die ihr getroffen habt. Es gibt also in dieser Klasse keine Opfer.»

Der Film wirbt nicht um die Verwirklichung des amerikanischen Traums. Keiner der Schüler von Louanne Johnson kommt gross raus oder wird berühmt. Hingegen wird anhand der dargestellten Personen und Ereignisse deutlich, wie die kleinen Entscheidungen nicht nur äusserlich unser Leben prägen, sondern auch “entscheidend” sind für die Entwicklung unserer Persönlichkeit.

Ein wichtiger Faktor in diesem Prozess ist dabei die Treue zu sich selber sowie die Fähigkeit, sich in den Motiven dieses Prozesses wahrzunehmen. Die Entwicklung dieser inneren Wahrnehmungsfähigkeit, ist jedoch nicht etwas, das sich automatisch einstellt, sondern eine (auch spirituelle) Herausforderung, die uns im Vorfeld eine Entscheidung abverlangt.

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Fulvio Gamba – 
Pfarrer und Seelsorger in einer Pfarrei in Zürich. Er ist Privatdozent für Theologie an der Theologischen Hochschule Chur und Leiter der Abteilung Theologie am Institut Thérèse von Lisieux in Basel. Er ist Mitglied von Gesprächskreisen zum Thema „Naturwissenschaft – Theologie“.

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